{"id":7898,"date":"2014-05-16T06:19:45","date_gmt":"2014-05-16T04:19:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychologie-aktuell.info\/reha\/?p=7898"},"modified":"2014-04-30T20:06:36","modified_gmt":"2014-04-30T18:06:36","slug":"brauchen-wir-immer-neue-diagnostische-stoerungsgruppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psychologie-aktuell.info\/reha\/2014\/05\/brauchen-wir-immer-neue-diagnostische-stoerungsgruppen\/","title":{"rendered":"Brauchen wir immer neue diagnostische St\u00f6rungsgruppen?"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Klassifikationssysteme wie die<span class=\"i\"> International Classification of Diseases (ICD)<\/span> der World Health Organisation (WHO) bzw. das <span class=\"i\">Diagnostic and Statistical Manual (DSM)<\/span> der American Psychiatric Association (APA) unterliegen einem stetigen Wandel. Fr\u00fcher wurden ca. alle 10 Jahre Ver\u00e4nderungen in Form von Neuauflagen vorgenommen. Seit der Publikation der ICD-10 im Jahr 1992 und des DSM-IV im Jahre 1993 sind gl\u00fccklicherweise zwischenzeitlich fast 20 Jahre vergangen, sodass im Hinblick auf die anstehenden Revisionen (DSM-5 und ICD-11) einige \u00dcberlegungen sinnvoll erscheinen bez\u00fcglich der Aufnahme neuer St\u00f6rungskategorien.<\/p>\n<p>Verfolgt man speziell die Entwicklung des DSM, so zeigt sich seit der 1.\u200aAuflage im Jahre 1952 bis heute fast eine Vervierfachung der diagnostischen Kategorien. Inwieweit diese Entwicklung gerechtfertigt ist, ist zumindest fraglich. Bedenkt man die vielf\u00e4ltigen Forschungsaktivit\u00e4ten der vergangenen Jahrzehnte, so ist die Bereitschaft neue Kategorien aufzunehmen relativ gro\u00df. Besonders deutlich ist die Erweiterung diagnostischer Einheiten bei der Einf\u00fchrung des DSM-III zu erkennen. Speziell 1980 wurde eine Reihe von diagnostischen Kategorien neu eingef\u00fchrt wie die PTBS, die generalisierte Angstst\u00f6rung (GAS), die soziale Phobie oder auch die Panikst\u00f6rung, die heute als Prototypen von Angsterkrankungen anzusehen sind. Sie wurden damals erstmals operationalisiert und initiierten eine Vielzahl von Forschungsaktivit\u00e4ten. Aber auch die Herausgabe der ICD-10 war mit einer Reihe diagnostischer Neuerungen verbunden, z.\u200aB. die Einf\u00fchrung der Kategorie Demenz bei HIV-Erkrankungen (F02.04) oder rezidivierender kurzer depressiver St\u00f6rungen (F38.10). Beide basierten auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein Hauptproblem bez\u00fcglich des Ein- oder Ausschlusses von Kategorien besteht darin, dass bis zum heutigen Tag keine verbindlichen Kriterien existieren, wann eine diagnostische St\u00f6rungsgruppe in ein Klassifikationssystem aufgenommen werden soll. Meist erfolgt dies mehr oder weniger willk\u00fcrlich, in der Regel als Konvention von Organisationen (WHO oder APA). Die wenigen in der Literatur publizierten Vorschl\u00e4ge werden dabei weitestgehend ignoriert. Deren Ber\u00fccksichtigung scheint jedoch sehr sinnvoll zu sein, um der Willk\u00fcr einen Riegel vorzuschieben. Exemplarisch sei die Arbeit von Blashfield et al. aus dem Jahre 1990 genannt, die explizite Kriterien f\u00fcr den Ein- und Ausschluss von diagnostischen Einheiten enth\u00e4lt. So schlagen die Autoren u.\u200aa. vor, dass \u2013 bevor eine diagnostische Einheit eingef\u00fchrt werden soll \u2013 mindestens 50 Studien dazu publiziert sein sollten und zus\u00e4tzlich mindestens 25 empirische. Ebenso sollten hinreichende Belege f\u00fcr die Interrater-Reliabilit\u00e4t in 2 Studien nachgewiesen werden. Andererseits fordern sie den Ausschluss von diagnostischen Einheiten, wenn sich in den letzten Jahren weniger als 20 Arbeiten mit dieser Kategorie besch\u00e4ftigt haben bzw. die St\u00f6rungen kaum noch in Studien genannt werden. Die klassischen Vorschl\u00e4ge zur Validierung von Diagnosen von Robins und Guze aus dem Jahr 1970 werden zwar immer wieder zitiert, spielen jedoch praktisch keine Rolle bez\u00fcglich der Revision von Klassifikationssystemen. Auch wenn diese Kriterien mittlerweile nicht mehr dem aktuellen Stand des Wissens \u00fcber St\u00f6rungen entsprechen, haben auch die konzeptuellen Weiterentwicklungen (z.\u200aB. von Andreasen, Kendell oder Kendler) bisher keinerlei Konsequenzen gehabt. Letztlich bleibt der Einbezug von diagnostischen Einheiten eine Frage der Konvention der beteiligten Gremien.<\/p>\n<p>Die Einbeziehung von neuen diagnostischen Kategorien in Klassifikationssysteme sollte nicht dem Trend von Modeerscheinungen folgen. Die bereits jetzt vorliegende Vielzahl von St\u00f6rungen scheint viel zu weit aufgef\u00e4chert zu sein. Sie entspricht in vielen Bereichen oft einer Pseudodifferenzierung, da u.\u200aa. die Anzahl von M\u00f6glichkeiten der Behandlung in keiner Relation zur Anzahl existierender Kategorien steht. Von daher scheint es sinnvoll, auch in Zukunft gr\u00f6\u00dfere Zeitr\u00e4ume zwischen den einzelnen Revisionen von Klassifikationssystemen zu legen und entsprechende differenzierte Evaluationskriterien zur Aufnahme und Ausschluss von St\u00f6rungen zu entwickeln. Diese sollten neueste Erkenntnisse ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p><span class=\"i\">Rolf-Dieter Stieglitz, Basel<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.thieme-connect.de\/DOI\/DOI?10.1055\/s-0032-1305044\">Thieme E-Journals &#8211; Psychiatrie und Psychotherapie up2date \/ Abstract<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klassifikationssysteme wie die International Classification of Diseases (ICD) der World Health Organisation (WHO) bzw. das Diagnostic and Statistical Manual (DSM) der American Psychiatric Association (APA) unterliegen einem stetigen Wandel. 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